HERGÉ

Eine Biographie von Peeters Benoit (aus "Ein Leben für die Comics)

Hergé ca.1970

 Hergé war ein zurückhaltender und schweigsamer Mensch, der nur ungern von sich selber sprach. Zwar wurde er ausgesprochen redselig, wenn es um seine Figuren oder seine Arbeitsweise ging, aber wenn er von seinem Privatleben erzählen sollte, schwieg er lieber. In den Interviews wechselte er immer eiligst das Thema, sobald er zu Persönlichem befragt wurde. Man muss in diesem Zusammenhang aber bedenken, daß sein Leben erstaunlich ereignislos verlief. Es bestand fast gänzlich aus Arbeit an den Abenteuern von Tim und Stuppi, mit denen Hergé bald untrennbar verbunden war. Daher wird verständlich, dass hier nicht nur eine daten- und detailgetreue persönliche Biographie zu lesen sein wird, sondern auch und vor allem eine knappe Beschreibung der wichtigsten Abschnitte seiner Karriere.

 Georges Remi wurde am 22. Mai 1907 in dem Brüsseler Vorort Etterbeek geboren. Sein Sternzeichen waren die Zwillinge, und da er sich lange und eingehend mit Astrologie beschäftigte, muß er diesem Punkt auch eine gewisse Bedeutung bei. Sein Vater Alexis Remi war Angestellter in einem Geschäft für Kinderbekleidung. Der kleine Georges hatte noch einen um fünf Jahre jüngeren Bruder, von dem er manchmal behauptete, dieser habe ihn zu der Figur von Tim angeregt.

Obwohl Hergés Kindheit und Jugend ohne größere Probleme verliefen, bezeichnete er sich selbst doch als ein unausstehliches Kind. Das traf wohl besonders dann zu, wenn er von seinen Eltern zu irgendwelchen Besuchen mitgenommen wurde. Diese kannten nur zwei Wege, ihn zu beruhigen: Der erste, wenn wohl auch nur selten angewandte, war, ihm rein prophylaktisch eine Tracht Prügel zu verabreichen; das zweite und auch gängigere Verfahren hingegen bestand darin, ihm Papier und Bleistift zu geben, was dann für Stunden Ruhe und Frieden garantierte.

Von 1914 bis 1918 besuchte Georges die Grundschule in Ixelles. Schon damals zeichnete er auf die Seiten seiner Schulhefte Bildergeschichten, welche ich vorwiegend um die Erlebnisse eines kleinen Jungen mit der deutschen Besatzungsmacht drehten. Auf Betreiben des Chefs von Georges' Vater wurde der kleine Georges von der konfessionslosen staatlichen Schule genommen und auf das konfessionsgebundene Institut Saint-Boniface geschickt, wo er sein Schulzeit weiter absolvierte. Er war ein sehr guter Schüler und fast immer der Beste seiner Klasse - außer im Zeichnen, wo er niemals eine gute Note erhielt. Als man ihn von der "gottlosen" Schule nahm, bewegte man ihn auch dazu, von den konfessionslosen "Belgischen Pfadfindern“ , zum " Bund der katholischen Pfadfinder" überzuwechseln.

Hergé sagte später, er habe diesen Wechsel nur schwer verkraftet und sich fast wie ein Verräter dabei gefühlt. Dennoch bestimmte das Pfadfinderwesen einen Großteil seiner Jugend, und im Sommer boten ihm die durchgeführten Ferienlager Gelegenheit zu Reisen nach Spanien, Österreich, in die Schweiz und nach Italien. Aus dieser Zeit stammten auch sein Interesse und seine Faszination für die Indianer und für Amerika. Zu diesem Zeitpunkt fing er auch mit dem Zeichnen seiner ersten Pfadfindergeschichten an, die in der Monatszeitschrift "Le Boy-Scout belge" ("Der belgische Pfadfinder") erschienen. Zum erstenmal konnte man dort den Namen Georges Remi im Februar 1923 lesen, und im Dezember desselben Jahres tauchte der Name "Hergé" auf, der von nun an sein Markenzeichen werden solltet Noch waren es nur wenige Arbeiten, die er veröffentlicht sehen durfte, wie z.B. Illustrationen zu ein paar Artikeln oder gelegentlich eine eher unbeholfen gezeichnete Titelseite für das Blatt. Im Juli 1926 war es dann jedoch soweit, und Hergé zeichnete seine erste richtige Serie: Es waren die ungewöhnlichen Abenteuer des Pfadfinders Totor, die bis zum Juli l930 dort weiter erscheinen sollten. Aber kehren wir noch einmal zu dem kleinen Georges Remi zurück. Er selbst erinnerte sich an seine Kindheit mit den folgenden Worten: "Sie fand in einem ganz gewöhnlichen Milieu mit nur alltäglichen Ereignissen und alltäglichen Gedankengängen statt und war gänzlich unbedeutend und in keiner Weise ein poetisch verklärtes Paradies. Sie war weder fröhlich noch traurig, eher grau und trübe, aber ich war auch nicht unglücklich, denn ich hatte gute Eltern, die mich ihre Zuneigung immer verspüren ließen. Dennoch fehlte etwas, denn es gab keine Bücher, keinen Gedankenaustausch, nichts ..." (Numa Sadoul: Tintin et moi, editions Casterman, 1975, Seite 60)

Hergé ca. 1929

Tatsächlich scheint Hergé in seiner Jugend nicht sehr viel gelesen zu haben. Zwar erwähnte er gelegentlich das Buch eines unbekannten Verfassers mit dem Titel "Roi et paysan" ("König und Bauer"), und auch die Schriftsteller Jérome K. Jérome und Hector Malot kannte er; "Die drei Musketiere" von Alexandre Dumas jedoch, die er mit vierzehn Jahren förmlich verschlungen hatte, waren seine erste wirklich eindrucksvolle Lektüre. Interessant aber ist, daß er die Romane von Jules Verne, an die Tims Abenteuer so stark erinnern, als junger Mensch nie gelesen hatte. Außer dem Pfadfinderwesen hatte seine Heimatstadt den größten Einfluß auf ihn, wobei ihn die Altstadt von Brüssel (das Marolles Viertel, aus dem seine Großmutter stammte) besonders prägte. Dieser besonders lebendige Stadtteil besaß auch eine eigene Sprechweise, die Hergé mehr als einmal in seinen Alben wiederaufleben ließ.

Gleich nach seinem Realschulabschluß im Jahre 1925 trat Hergé der Tageszeitung "Le XXieme Siecle" ("Das zwanzigste Jahrhundert") bei, die sich selbst als " Zeitung der katholischen Lehre und der Information" verstand. Dieses mit eiserner Hand von dem Abbe Norbert Wallez geleitete Blatt war stark klerikal und national ausgerichtet. Hergé begann seine Arbeit dort jedoch nicht sofort in der Redaktion, sondern in der Abonnementsabteilung. Parallel dazu schrieb und zeichnete er seine Totor Geschichten für "Le Boy-Scout belge" weiter. In diese Zeit fiel auch ein recht kurioses Ereignis. Hergés Eltern hatten die Begabung ihres Sohnes festgestellt und beschlossen, ihn Zeichenkurse besuchen zu lassen. Man schickte ihn auf die darauf spezialisierte Schule Saint-Luc, wo man ihn unvermittelt vor eine korinthische Säule aus Gips setzte, die er möglichst genau abzeichnen sollte. Das Ergebnis dieses Vorfalls war, daß man ihn weder in Saint-Luc noch in irgendeinem anderen Zeichenkursus wiedersah. Sein gesamtes zeichnerisches Können brachte er sich selber bei, und im Laufe der Jahre kaufte er sich mehrere Lehrbücher, um aus ihnen das zu lernen, was ihm noch fehlte.

1926 mußte er seinen Militärdienst ableisten. Er wurde dem 1. (Infanterie-) Jägerregiment zugeteilt, wo er als Gefreiter begann und sich über die Ränge eines Korporals und Sergeanten bis zum Ende des Jahres zum Reserveleutnant hochdiente. Nach seiner Militärzeit kehrte er 1927 zum " Le XXieme Siecle" zurück. Diesmal kam er jedoch nicht in die Abonnementsabteilung, sondern wurde gleichzeitig als Nachwuchsphotograph, Hilfsphotograveur und Illustrator für Sonderseiten eingestellt. Der Abbe begann sich für ihn zu interessieren, bewog ihn zu einer Weiterbildung und übertrug ihm allmählich immer mehr Verantwortung.

Hergé 1935

Hergé hatte oft behauptet, daß das Zusammentreffen mit dem Abbe Wallez für ihn von entscheidender Bedeutung gewesen sei. Durch ihn wurde Hergé allmählich zum Allroundmann des Blattes, der setzen konnte, sich auch um den Umbruch kümmerte und noch in letzter Minute die nötigen Illustrationen selber machte. Als der Abbe die Leserschaft seines Blattes vergrößern wollte und ihm die Idee einer Kinderbeilage kam, war es wiederum Hergé, den er mit der Gestaltung betraute.

Am 1. November 1928 erschien die erste Ausgabe von "Le Petit Vingtième" ("Das kleine Zwanzigste")unter seiner alleinverantwortlichen Leitung allerdings hatte er auch keinen einzigen Mitarbeiter. Anfangs begnügte Hergé sich damit, die von einem Sportredakteur der Zeitung geschriebene „Serie Les Adventures de Flup, Nenesse, Poussette et Cochonnet“ zu illustrieren. Bald schon hatte er aber von dieser kurzatmigen und langweiligen Geschichte genug und beschloß, eine eigene zu schreiben. Allzu schwer fiel ihm das nicht: Er holte einfach seinen Totor wieder hervor, veränderte dessen Namen und gab ihm einen zeitgemäßen Beruf und eine charakteristische Haartolle ("zum leichteren Wiedererkennen“) sowie einen Foxterrier namens Struppi als ständigen Begleiter.

Seit Totors Zeiten hatte Herge jedoch eine wichtige Entdeckung gemacht. In mexikanischen Zeitschriften, die ein Korrespondent von ,„Le XXieme Siecle“ , seinem Blatt regelmäßig zuschickte, hatte er die klassischen amerikanischen Comic-Strips wie Bringing up Father, Krazv Kat und die Katzenjammer Kids zum erstenmal gelesen. Hergé neue Serie wurde so nicht nur ein von Bildern illustrierter Text, sondern durch die beiden sich verbindenden und ergänzenden Elemente zu einem richtigen Comic. Am 10. Januar 1929 erschien Tim zum erstenmal in "Le Petit Vingtième", wo ihn seine erste Reise direkt in die Sowjetunion führtet Hergé mußte jede Woche eine neue Fortsetzung abliefern, in welcher er Gags und Katastrophen relativ unverbunden aneinander reihte, ohne zu wissen, wie alles enden sollte.

An weitere Reisen von Tim hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht. Ein Jahr später, am 23. Januar 1930, schuf er die zwei neuen Figuren Stups und Steppke, zwei Brüsseler Lausbuben, die bis zum Ende der dreißiger Jahre in der Kinderbeilage erschienen. Ein halbes Jahr später, nämlich am 8. Mai, ging das Abenteuer "Tim im Lande der Sowjets" zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt war der "pfiffige Reporter" bereits so beliebt, daß Hergé weitere Abenteuer von ihm plante. Den ersten grandiosen Erfolg von Tim konnte er auch später nie vergessen: "Nachdem ,Tim im Lande der Sowjets' beendet war, hatte der Leiter des Blattes die Idee, die Rückkehr von Tim aus Rußland richtig zu inszenieren. An dem festgesetzten Tag nahm ich mit dem Jungen, der Tim darstellen solltet den Zug aus Köln – also von Osten, aus Rußland kommend - nach Brüssel, wo der offizielle Empfang stattfinden solltet Wir waren beide kostümiert und geschminkt, und ich hatte mich sogar mit einem Russenkasak und roten Stiefeln herausgeputzt. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, daß jemand zu unserem Empfang kommen würde, doch zu meinem großen Erstaunen wartete eine große Menschenmenge auf uns. Eine Traube von Kindern hing an unserem Eisenbahnwaggon mit Tims Doppelgänger, und da wurde mir klar, daß Tim ein Riesenerfolg war."(.,Schtroumpf" Nrl 14715)

 

Noch 1930 begann "Tim im Lande der Sowjets" in dem französischen Wochenblatt "Cours Vaillants" zu erscheinen, in dem dann auch andere Geschichten von Hergé veröffentlicht wurden - es war der Beginn einer Weltkarriere!

Die Abenteuer von Tim und Struppi wurden aber natürlich auch weiter in der Kinderbeilage von " Le XXieme Siecle" gedruckt, welches dadurch seine Auflage um das Sechsfache steigern konnte.

Tims nächste Reise führte ihn in den Kongo und wurde am 9. Juli 1931 triumphal beendet. Zwischenzeitlich hatte Herge seine Werke dem französischen Zeichner Alain Saint-Ogan vorgelegt, der ihn in seiner Arbeit sehr ermutigte und ihm eine Seite seiner eigenen Serie Zig et Puce widmete. Aufgrund der ständig wachsenden Erfolgs erschienen bereits 1932 Tims Abenteuer in Amerika. Dies war auch der erste Band der vom Verlag Casterman veröffentlicht wurde, der von nun an den Werken Herges eine immer größere Verbreitung sicherte. Im gleichen Jahr heiratete Hergé die Sekretärin von Norbert Wallez, Germaine Kieckens. Sie, mit der er seit 1928 verlobt war, wurde seine erste Mitarbeiterin; Kinder sollten allerdings aus dieser Ehe nicht hervorgehen.

Nach Hergés viertem Album, "Die Zigarren des Pharaos", fand eine für ihn äußerst wichtige Begegnung statt, die seine weitere Karriere nachdrücklich prägen sollte:

Nach der Ankündigung, daß Tims nächste Reise nach China gehen sollte, erhielt Hergé den Brief eines Abbe, der ihm dringlichst empfahl, sorgfältig zu recherchieren. Dabei bot er Hergé an, ihn mit einem jungen chinesischen Studenten namens Chang Chong-Jen bekannt zu machen. Die schnell geschlossene herzliche Freundschaft mit diesem jungen Chinesen veranlasste Hergé dann auch tatsächlich dazu, seine Arbeit ernster als vorher zu nehmen.

Ab 1937 erschienen Tims weitere Abenteuer in einem etwa fünfzehnmonatigen Turnus. Es begann mit "Der Arumbava-Fetisch", und es folgten 1938 "Die Schwarze Insel" und 1939 „König Ottokars Zepter". Daneben erschienen noch Stups und Steppke wöchentlich weiter. 1936 kam als dritte Serie Die Abenteuer von Jo, Jette und Jocko hinzu. Entstanden war sie auf Bestellung der Herausgeber der Zeitschrift "Cours Vaillants". Diese befürchteten, dass Tim, der ja ohne Eltern und auch ohne rechten Beruf war, für die jungen Leser der Zeitschrift kein gutes Vorbild sei. Jo und Jette hingegen waren ein Junge und ein Mädchen, die in einer richtigen Familie lebten.

In dieser Zeit kannte der Arbeitseifer Hergés keine Grenzen: Zu seinen verschiedenen Comic-Serien kamen außerdem noch viele Aufträge für die Illustration von Buch- und Zeitschriftentiteln hinzu. Nicht vergessen werden sollten aber auch die zahlreichen anderen Arbeiten, die unter dem Firmenzeichen "Atelier Hergé" (nicht zu verwechseln mit den "Studios Hergé", die erst 1950 gegründet wurden) produziert wurden.

Hergé 1949

Der Zweite Weltkrieg, der sich schon seit einigen Jahren angekündigt hatte, sollte die Arbeitsbedingungen für Hergé von Grund auf verändern. Er wurde 1939 eingezogen und kam nach Turnhout im Norden Belgiens, wo er Ausbilder einer flämischsprechenden Infanteriekompanie wurdet Trotzdem fand Herge immer noch die Zeit, fast jede Woche zwei Seiten von "Tim im Reiche des Schwarzen Goldes" an das "Petit Vingtième" zu schicken - bis zum 9. Mai 1940.

An diesem Tag setzte das Kriegsgeschehen nicht nur dem weiteren Erscheinen der Geschichte, sondern auch dem "XXieme Siecle" ein Ende. Am 10. April 1940 wurde Hergé ein dreimonatiger Erholungsurlaub wegen seiner angegriffenen Gesundheit gewehrt. Als die deutschen Truppen in Belgien einmarschierten, bekam er den Befehl zum Rückzug nach Frankreich. Hergé lebte mit seiner Frau und seiner Siamkatze für kurze Zeit in der Gegend von Paris. Bald aber schien sich die Lage in seiner Heimat wieder zu stabilisieren, und er bereitete sich auf seine Rückkehr nach Belgien vor. Dort schien die Niederlage unabwendbar, und König Leopold III. rief zur Wiederaufnahme der Arbeit auf den von dem Leutnant Léon Degrelle kommenden Vorschlag aber, der offizielle Zeichner der monarchistischen Bewegung zu werden, lehnte Hergé dankend ab.

Schließlich fand er Unterschlupf bei der von Raymond de Becker geleiteten Zeitung "Le Soir". Hier wurde auch bald nach dem Vorbild von "Le XXieme Siecle" eine Kinder- und Jugendbeilage konzipiert, die dann am 17 Oktober 1940 zum erstenmal als "Le Soir-Jeunesse" erschien. Leider wurde sie nicht so erfolgreich wie "Le Petit Vingtième", denn der Krieg ließ die einzelnen Ausgaben immer mehr zusammenschrumpfen. Wurde im "Le Soir-Jeunesse" anfänglich noch ein ganzer, d.h. doppelt gefalteter Bogen bedruckt - also acht Seiten -, von denen zwei den Abenteuern von Tim und Struppi gewidmet waren, so blieb im Mai 1941 nur noch die Hälfte davon übrig, bis schließlich am 23. September die wöchentlich erscheinende Beilage ganz gestrichen wurde. "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" erschien aber trotzdem täglich weiter in "Le Soir", wenn auch nur als kleiner Comic-Strip.

Natürlich wurde die Erzähltechnik von Hergé durch die neue Erscheinungsweise radikal verändert,  wobei zu den technischen Problemen noch ein anderes hinzukam: Jedes "heiße" Thema mußte grundsätzlich vermieden werden. Belgien war schließlich besetzt, und " Le Soir" unterlag der deutschen Zensur. Zwei von Hergés Alben wurden sogar verboten: "Die Schwarze Insel" war zu briten- freundlich, und bei "Tim in Amerika" genügte dazu alleine schon der Titel. " König Ottokars Zepter" mit seinen antifaschistischen Anspielungen dagegen entging der Aufmerksamkeit der Zensoren.

Die von Hergé während der Besatzungszeit gezeichneten Abenteuer von " Die Krabbe mit den goldenen Scheren' ,bis hin zu "Die sieben Kristallkugeln" sind weit von jeglichem realen Geschehen entfernt. Am charakteristischsten für diese Zeit sind "Das Geheimnis der Einhorn" und "Der Schatz Rackhams des Roten", in denen diese Wirklichkeitsferne bei einem gleichzeitigen mangelnden Bezug zur äußeren Realität am ausgeprägtesten dargestellt ist. Aber auch sonst brachte diese Zeit viele Veränderungen für Hergé und seinen Helden Tim.

Die Papierknappheit, die schon die Einstellung von "Le Soir-Jeunesse' , bewirkt hatte, veranlasste auch den Verlag Casterman, bei dem Hergés Alben erschienen, die Anzahl der Seiten von Tims Abenteuern zu beschränken. Hatten die Alben bis dahin noch einen Umfang zwischen 100 und 130 Seiten, so mußten sie sich von nun an mit 62 Seiten begnügen. Wie zum Ausgleich dafür begannen die Abenteuer von Tim und Struppi von nun an in Farbe statt nur in Schwarzweiß zu erscheinen. Das erste Album in dieser neuen Form war "Der geheimnisvolle Stern". Um dieser neuen Aufmachung zu entsprechen, mußten die vor dem Krieg entstandenen Alben umgestaltet werden. Wegen seiner übrigen Belastungen konnte aber Hergé diese Arbeit nicht bewältigen, und so verbrachte seine Mitarbeiterin Alice Dévos mit der Neugestaltung mehrere Jahre.

  Hergé 1958

Zu diesem Zeitpunkt begegnete Hergé auch dem Zeichner Edgar-Pierre Jacobs, dessen Arbeiten damals in "Bravo" erschienen. Hergé war von der Begabung und der grafischen Sorgfalt von Jacobs so begeistert, daß er ihm vorschlug, sein Mitarbeiter speziell für die Hintergründe und die Farbgebung zu werden. Es war also der zukünftige geistige Vater von Blake und Mortimer, der die Uniformen und die Backgrounds von "König Ottokars Zepter" gestaltete.

Am 3. September 1944 wurde die Veröffentlichung von "Die sieben Kristallkugeln" durch die Befreiung Brüssels unterbrochen. Nur drei Tage darauf wurde die gesamte Redaktion von " Le Soir" umbesetzt, und am 8. September erließ die Alliiertenkommission eine Verfügung, die allen während der Besatzungszeit bei Zeitungen beschäftigten Journalisten die Ausübung ihres Berufes untersagte. Obwohl Hergé niemals politisch tätig gewesen war, hatte er doch vier Jahre lang bei "Le Soir" mitgearbeitet, und so fand er sich von dieser Maßnahme, die praktisch einem Berufsverbot gleichkam, mitbetroffen. Später erinnerte er sich : " Ich bin viermal festgenommen worden, und zwar jedes mal von einer anderen Dienststelle. Einmal mußte ich sogar eine Nacht im Gefängnis verbringen, wurde aber am nächsten Morgen wieder freigelassen. Auch am Prozeß gegen die Mitarbeiter von , Le Soir' habe ich nur als Zuschauer teilgenommen. Einer der Anwälte der Verteidigung hat damals gefragt : ,Wieso ist eigentlich Hergé nicht mitangeklagt?' Der Untersuchungsrichter hat darauf geantwortet : ,Weil ich mich damit unsäglich lächerlich machen würde!"' (Tintin et moi. Seite 61)

Obwohl Hergé also am Krieg nicht direkt beteiligt gewesen war, unterlag er doch einem vorläufigen Veröffentlichungsverbot. Die seltsamsten Gerüchte begannen über ihn zu kursieren: "Man erzählte sich, er sei Neurastheniker geworden, daß er vom Wahnsinn bedroht oder ihm sogar schon verfallen sei; manche behaupteten sogar, er sei gestorben" (pol Vandromme: Le monde de Tintin, editions Gallimard 1959, Seite 52) - tatsächlich war er aber vorwiegend damit beschäftigt, einige seiner vor dem Krieg erschienenen Alben umzuarbeiten.

Es dauerte allerdings bis zum 26. September 1946, dem Tag der Gründung der Zeitschrift "Tintin", bis Hergé entsprechend seinem Talent und seinen Fähigkeiten wieder richtig arbeiten konnte. Von der ersten Ausgabe an nahm er den zentralen Platz in der Zeitschrift ein. Die erste Geschichte für "Tintin" war "Der Sonnentempel", die dort fortfuhr, wo "Die sieben Kristallkugeln" geendet hatte.

Am Anfang ging die Herausgabe dieser Jugendzeitschrift nicht ohne Probleme und auch nicht ohne das Wiederaufflackern alter Streitigkeiten ab. In der Zeitschrift "Front" konnte man beispielsweise in einem Artikel von einem Professor der Universität Lüttich lesen :

"Etwas, was sehr bedauerlich und auch bedenklich stimmt, ist die Tatsache, daß der berühmte und untrennbar mit Tim verbundene Köter, der seine Schnauze in deutsche Mülltonnen gesteckt hat, noch immer zum Vergnügen der Kinder bei uns sein darf. Dabei geht es hier nicht darum, Hergé daran zu hindern, sich seine Brötchen zu verdienen. Immerhin könnte er in der Werbegrafik arbeiten ("Tragen Sie unsere superdehnbaren Sockenhalter" oder "Auch auf Ihrem Haus eine Wetterfahne von Jevire"), oder aber er kann Karnevalsmasken entwerfen, aber Stups und Steppke, diese beiden Lausbuben aus den Marolles wieder auferstehen zu lassen , ist ausgesprochen anstandslos. Wenn ich Struppi einmal treffe, werde ich ihm mit Verlaub gesagt einen Tritt in den Hintern geben."

Um ihn bei den Jugendlichen zu diskreditieren, war seinen Gegnern fast jedes Mittel recht. So warnte man die Leser von Hergé mit zweideutigen Anspielungen auf Tims Gefährten Kapitän Haddock: "Zu behaupten, daß Hergé trinkt, wäre stark untertrieben viel eher kommt man der Wahrheit nahe, wenn man sagt, daß er dem Alkohol verfallen ist. So eröffnet der Verfasser seine Biographie in ,Tintin': ,Lehne niemals einen guten Whisky ab, es sei denn, er wäre verwässert' - und so etwas findet man in einem Heft zur Erbauung von Kindern! Die junge Generation befindet sich wirklich in „guten“ Händen, das muß man schon sagen."

Aber all diese Angriffe konnten ihren Zweck nicht erfüllen, und statt dessen wuchs das Ansehen Hergés im Laufe der Jahre immer weiter. Von 1948 an wurde eine französische Ausgabe von "Tintin" herausgegeben, und auch hier kletterte die Auflage in schwindelerregende Höhen. Von seinen Alben wurden seit 1956 eine Million Bände jährlich gedruckt.

Das Privatleben Hergés verschmolz immer mehr mit seiner Arbeit, die ständig genauer wurde und in der nichts mehr dem Zufall überlassen blieb. 1950 wurden als Aktiengesellschaft die „ Studios Hergé" gegründet, in der nach und nach ein Dutzend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zusammenkamt 1950 war es Bob De Moor, dem bald darauf Jacques Martin, Roger Leloup, Baudouin van den Branden und noch einige andere folgten. So entstand ein fähiges Team, welches Hergé von nun an unaufhörlich zur Seite stand.

In diesen Jahren entstanden laufend neue Tim und Struppi Abenteuer.

" Die sieben Kristallkugeln" (1948), "Der Sonnentempel" (1949), "Im Reiche des Schwarzen Goldes" (1950), „Reiseziel Mond" (1953), "Schritte auf dem Mond" (1954), "Der Fall Bienlein" (1956) und "Kohle an Bord" (1958).

Danach verlangsamte sich das Tempo etwas: "Tim in Tibet" erschien 1960, "Die Juwelen der Sängerin" 1963,"Flug 714 nach Sydney" 1968 und "Tim und die Picaros" sogar erst 1976. Jedes dieser Alben stellt durch das Einbringen neuer Elemente auf seine Weise eine immer weitere Entfernung von den Grundzügen des klassischen Comics dar, ohne diese jedoch gänzlich aufzugeben.

Gleichzeitig aber dehnte Hergé seine Aktivitäten auf neue Bereiche aus. Zuerst entstanden die zwei Spielfilme „ Le mystere de la toison d'or" im Jahre 1961 und "Tintin et les oranges bleues" 1964, und anschließend wurden zwei Zeichentrickfilme produziert : ,“ Le temple du Soleil" (1969) und "Tim et le lac aux requins" (1972). Diese Filme machten Hergé noch bekannter, und so vertraute das ehemalige französische Staatsoberhaupt General de Gaulle eines Tages Andre Malraux an, daß sein einziger Rivale auf internationaler Ebene doch eigentlich nur Tim sei...

In den frühen sechziger Jahren machte Hergé eine für ihn wichtige Entdeckung: Er begann, sich für die moderne Kunst zu interessieren, die zu einer seiner großen Leidenschaften werden sollte.

  Hergé 1979

Zu den am meisten von ihm geschätzten Malern zählten etwa Noland, Lucio Fontana, Andy Warhol (der Hergé übrigens großformatig porträtiert hat) und Roy Lichtenstein. Außerdem begann er mit ausgedehnten Reisen und besuchte Italien, England, Schweden, Griechenland und Dänemark. 1971 fuhr er zum erstenmal in die USA und traf dort in South Dakota mit Vertretern der Sioux-Indianer zusammen.

In diese Jahre fielen auch viele Ehrungen und öffentliche Auszeichnungen. Bis dahin hatte Hergé recht zurückgezogen gelebt und sah sich nun ein wenig gegen seinen eigenen Willen in den Vordergrund gedrängt. Er erhielt zahlreiche Preise und war Ehrengast mehrerer Comic-Festivals. Der fünfzigste Geburtstag von Tim wurde 1979 mit großem Aufwand gefeiert, und die Ausstellung " Le musee imaginaire de Tintin" ("Tims imaginäres Museum") trat ihre überaus erfolgreiche Reise durch Europa an.

Im Mai l973 machte Hergé seine erste Chinareise, und zwar nach Taiwan. Seit 1939 hatte ihn die Regierung von Tschiang Kai-schek offiziell wegen seiner Verdienste um China ("Der Blaue Lotos") eingeladen, doch Hergé brauchte schließlich 34 Jahre, um dieser Einladung Folge leisten zu können. Gleichzeitig begann er auch mehr und mehr, sich für den fernen Osten und somit auch für die fernöstliche Philosophie zu interessieren. 1976 gelang es Hergé, Chang Chong-Jen, den er 1934 kennen gelernt und zu Beginn des Krieges aus den Augen verloren hatte, wieder ausfindig zu machen. Er nahm brieflichen Kontakt mit ihm auf und schickte ihm Exemplare von "Der Blaue Lotos" und von "Tim in Tibet" zu, die es in China nicht zu kaufen gab. Fünf Jahre später kam Chang Chong-Jen aufgrund vielfacher Bemühungen nach Belgien. Das Wiedersehen der beiden Freunde machte Schlagzeilen in der gesamten französischsprachigen Presse.

Weniger erfreulich waren hingegen die Schlagzeilen, die im März 1983 in allen großen Zeitungen der Welt erschienen:

"Hergé ist tot" hieß es da, und dann kam die Meldung, daß der geistige Vater des liebenswürdigen Reporters Tim am 3. März in einer Brüsseler Klinik an Herzversagen gestorben sei – 75 Jahre alt war Hergé geworden. Als Comic-Künstler aber wird er nicht bloß im Gedächtnis einiger weniger Liebhaber fortleben, denn nur wenige Serien wie etwa Tim und Struppi haben eine derartig weite Verbreitung gefunden :

Immerhin erreichten seine in 33 Sprachen übersetzten Abenteuer eine Gesamtauflage von über 90 Millionen Exemplaren.

  Starseite